Vereint unter einem Dach

Historische Entwicklung des Fachbereichs Chemie- und Biotechnologie

Der Fachbereich Chemie- und Biotechnologie der Hochschule Darmstadt blickt auf eine mehr als achtizjährige Tradition zurück. Als ‚Keimzelle‘ des Fachbereichs angesehen werden kann die 1941 an der Städtischen Handelsschule Darmstadt eingerichtete Abteilung Chemotechnik. Zwar existierten im Rhein-Main-Gebiet bereits zuvor Ausbildungsplätze für Chemielaboranten. Auch gab es an den Universitäten der Region sowie an der TH Darmstadt die Möglichkeit, promovierte Chemiker auszubilden. Aber der Bedarf an theoretisch wie praktisch gut ausgebildeten Arbeitskräften, in chemischer Technik versiert und mit chemischer Wissenschaft vertraut, war enorm – und bis dahin kaum zu decken. An der nun neu gegründeten ‚Berufsfachschule für Chemotechnik‘, der ersten Ausbildungsstätte ihrer Art in Hessen, absolvierten von April 1941 bis zu deren Schließung im März 1945 vierzig junge Männer und Frauen eine erfolgreiche Ausbildung. Nachdem im September 1944 das bezogene Gebäude in der Sandstraße 30 weitgehend zerstört worden war, konnte allerdings nur noch provisorisch unterrichtet werden. Lediglich theoretischer Unterricht fand nun mehr statt, ausgelagert in Räume der Bessunger Knabenschule sowie der Morneweg­schule.

Nachkriegszeit: ein Schulgebäude ohne Dach, Türen oder Fenster

Weitergeführt wurde die chemotechnische Ausbildung nach dem Krieg an der ‚Städtischen Chemotechnischen Fachschule‘, die 1946 zunächst in Kellerräumen des ehemaligen Garnisonslazaretts in der Eschollbrücker Straße 27 untergekommen war. Einen Eindruck von den schwierigen Bedingungen zu dieser Zeit vermittelt ein Auszug aus dem Tagebuch des ersten und langjährigen Leiters der Institution, Dr. Klaus-Günther Hindenburg: „Am 18. Juni 1946 wurde die Schule inoffiziell eröffnet und eine Besprechung mit den angemeldeten 29 Schülern abgehalten. Das Schulgebäude machte an diesem Tag einen so trostlosen Eindruck, daß zwei Schüler es vorzogen, wieder zu verschwinden. Das Gebäude besaß weder ein Dach, noch Türen und Fenster; die einstigen Holzfußböden waren im Obergeschoß ausgebrannt und in den Parterre- und Kellerräumen herausgerissen.“

Schüler und Lehrkräfte mussten aktiv Hand anlegen, um durch Aufräum- und Bauarbeiten einen noch immer improvisierten Unterricht vor Ort ermöglichen zu können. Im Winter war der Unterricht anfangs stark eingeschränkt, da die Temperaturen in den schlecht beheizbaren Räumen teils unter den Gefrierpunkt sanken. Erste Glasgeräte konnten erst im Mai 1947 zu Unterrichtszwecken genutzt werden. Und bis 1960 standen nur vier Dozenten und zwei Praktikumsassistentinnen in der Lehre zur Verfügung. Aller Widrigkeiten zum Trotz etablierte sich eine Ausbildung auf hohem Niveau. Absolventen der Städtischen Chemotechnischen Fachschule Darmstadt waren seitens der Industrie gesucht. Der Leiter der Einrichtung erwartete von seinen Schülerinnen und Schülern einen „[e]inwandfreien Charakter, manuelle Geschicklichkeit, hohes Verantwortungsgefühl und geistige Beweglichkeit“. Noch unter dem Eindruck des Nationalsozialismus wurde zudem die „Formung zu einem urteilsfähigen und weitblickenden Menschen“ gefordert, wie sich der Tagespresse anlässlich der offiziellen Eröffnung im Juli 1946 entnehmen lässt. Allzu frisch war noch die Erinnerung an den Einsatz chemotechnischen Wissens in der Kriegsindustrie. Im Zeitraum von 1946 bis 1964, der nächsten großen Zäsur hinsichtlich der Ausbildung von Chemotechnikern in Darmstadt, durchliefen knapp 800 Absolventinnen und Absolventen die Chemotechnische Fachschule mit Erfolg.
 

Von der Chemotechnischen Fachschule zur Staatlichen Chemieschule

Die Anzahl der Stellenangebote überstieg die Zahl der Absolventen deutlich. Doch die Stadt Darmstadt sah sich nicht in der Lage, auf den höheren Ausbildungsbedarf entsprechend reagieren zu können und die Fachschule besser auszustatten bzw. zu erweitern. Angedacht war stattdessen eine Zusammenlegung mit der Ingenieurschule für Maschinenwesen, aus der später an der FH Darmstadt die Fachbereiche Maschinenbau, Elektrotechnik und Kunststofftechnik hervorgehen sollten. Doch auch dazu kam es nicht. Vielmehr wurde die Chemotechnische Fachschule 1964 (nach einigem Vorlauf) als eigenständige ‚Staatliche Chemieschule‘ vom Land Hessen übernommen und zugleich zur Ingenieurschule erhoben. Im Zuge dessen wurde die Studiendauer von vier auf sechs Semester angehoben; die ersten graduierten Ingenieure verließen entsprechend im Jahr 1967 die nun staatliche Lehranstalt.

Unterrichtet wurde weiterhin in unzureichenden Verhältnissen. Zwar konnte ab dem Wintersemester 1965/66 der – ebenfalls auf dem Areal Eschollbrücker Straße 27 gelegene – Altbau der Ingenieurschule für Maschinenwesen bezogen werden, doch waren auch die dort vorgefundenen Räumlichkeiten für die Ausbildung der großen Anzahl von Chemotechnikerinnen und Chemotechnikern nur bedingt geeignet. Immerhin standen an der einzigen staatlichen Chemieschule Hessens nun 180 Studienplätze zur Verfügung. Als 1968 die Verwaltung gemeinsam mit denen anderer Ingenieurschulen im neuen Ingenieurschulzentrum in der Schöfferstraße zusammengelegt wurde, entspannte sich die räumliche Situation nur unwesentlich. An der problematischen Ausstattung sollte sich auch nach dem Aufgehen in der FH Darmstadt 1971, nun als Fachbereich Chemische Technologie, erst einmal nichts ändern.


Pläne für einen Neubau scheitern immer wieder

Denn ein schon 1959 fest zugesagter Neubau sollte bis ins Jahr 2017 unverwirklicht bleiben. Angedacht war zunächst der Umzug auf den Darmstädter ‚Exert‘, wo ein Fachschulzentrum geplant war (und heute das Hochhaus der h_da angesiedelt ist). Da hier zu wenig Platz zur Verfügung stand – so zumindest die offizielle Begründung –, favorisierte man zeitweise, in der Eschollbrücker Straße 27 ein komplett neues Gebäude für die zeitgemäße Ausbildung von Chemotechnikern zu errichten. Ein vom Kultusministerium 1965 bewilligter Plan wurde vom Finanzministerium noch im gleichen Jahr verworfen. Allen darauffolgenden Neubau-Plänen war ein vergleichbares Schicksal beschieden. Weit gediehen – und von komplexen Verhandlungen geprägt – war etwa ein Neubau am Kavalleriesand, der Ende 1970 an finanziellen Hürden scheiterte. Und auch die Neubaupläne auf der Lichtwiese konnten nicht umgesetzt werden; bekanntlich bezogen einzig Institute der TH das großzügige Gelände [alle Bemühungen zu den einzelnen Bauvorhaben sind im Staatsarchiv umfangreich dokumentiert].

Ob der unhaltbaren Zustände gingen nicht nur die Verantwortlichen, sondern auch die Studierenden auf die Barrikaden. Ein Flugblatt des ‚AStA Staatliche Chemieschule – Ingenieurschule – Darmstadt‘ vom April 1971 titelte forsch: „In Darmstadt stinkt’s!“ Zum einen in den Praktikumsräumen der Chemieschule – und zwar „in gesundheitsschädlichem Ausmaß nach Schwefelwasserstoff, Blausäure und anderen giftigen Gasen“, weshalb sich die Studierenden selbst als „Museumshüter mit selbstmörderischer Tendenz“ bezeichneten. Zum anderen stinke den Studierenden „die erneute VERSCHLEPPUNG unseres seit zehn Jahren geplanten Neubaus“. Tatsächlich stand die Chemieschule bzw. der Fachbereich Chemische Technologie aufgrund „erheblicher arbeitstechnischer Mängel“ mehrfach kurz vor der Schließung. Auflagen im Bereich des Unfallschutzes konnten zum Teil nur provisorisch gelöst werden. Unter anderem musste ein Entlüftungssystem für die Laborräume eingebaut werden (obwohl das betroffene Gebäude als abbruchreif galt), um den Lehrbetrieb aufrecht erhalten zu können.

Da alle Neubauvorhaben endgültig gescheitert schienen, stimmten die Verantwortlichen – wenn auch zähneknirschend – einem Umzug in die Räumlichkeiten im Altbereich der TH zu. Ein entsprechender Lösungsvorschlag war schon länger kontrovers diskutiert worden und stand zwischenzeitlich ebenfalls auf der Kippe, da die Kosten aus dem Ruder zu laufen drohten. Nach umfangreicher Sanierung konnten schließlich ab April 1976 etwa 350 Studierende die verwaisten Räume der auf die Lichtwiese umgezogenen chemischen Institute der TH belegen. „Kein neues Haus, aber ein neues Zuhause“, titelte das Darmstädter Echo im Juni 1976. Immerhin standen nun nach neuestem Stand eingerichtete Laborplätze zur Verfügung, eine mindestens mittelfristige Verweildauer war avisiert. Mit einem Neubau zugunsten des Fachbereichs Chemische Technologie sei (wenn überhaupt) „nicht vor Beginn der neunziger Jahre“ zu rechnen, prophezeite der damalige Rektor der FH Darmstadt [Professor Warkehr] im gleichen Artikel – und sollte mit seiner Prophezeiung Recht behalten.

Neubau mit optimalen Bedingungen für Lehre und Forschung

Im Wintersemester 2017/18 konnten Studierende, Lehrende und Beschäftigte ihr neues „Zuhause“ mitten auf dem Campus Schöfferstraße beziehen. Der für 33 Millionen Euro erstellte Neubau umfasst 4.000 Quadratmeter Nutzfläche, 13 Lehr- und 12 Forschungslabore und eine Ausstattung auf dem neuesten Stand der Technik. Der Architektenbau, von Toenis, Schroeter und Jansen entworfen, wurde aus Mitteln des Hessischen Hochschulbauprogramms HEUREKA finanziert. Markenzeichen ist das blaue „O“ des Berliner Künstlers Norbert Radermacher, das an der Fassade des neuen Domizils lehnt.

Im Inneren des Neubaus herrschen optimale Bedingungen für Lehre und Forschung. Eine hochmoderne Umgebung für die im vergangenen Jahrzehnt wachsende Zahl an Studierenden und Studieninteressierten. Jährlich bewerben sich über 900 junge Menschen auf die rund 200 Studienplätze. Vier Studiengänge bietet der Fachbereich unterdessen an - Biotechnologie, Technische Chemie und Chemie dual sowie den Masterstudiengang Chemie- und Biotechnologie. Rund 800 Studierende sind eingeschrieben, die von 13 Professor*innen, zwei Lehrkräften für besondere Aufgaben und 18 wissenschaftlichen oder technischen Mitarbeitenden betreut werden. 

Neubau des Fachbereichs Chemie- und Biotechnologie auf dem Zentralcampus in der Schöfferstraße (Foto: h_da/Anja Behrens)

Holger Köhn, alu, mika

Literaturhinweis

Fachbereich Chemische Technologie der Fachhochschule Darmstadt (Hrsg.): 50 Jahre Chemische Technologie an der FH Darmstadt. Darmstadt 1991.