Portrait Klaus Göttmann

Klaus Göttmann

Goldenes Diplom

Der Darmstädter Bauingenieur Klaus Göttmann hat vor 50 Jahren seinen Abschluss an der Hochschule gemacht, die damals noch Staatliche Ingenieurschule hieß

Der Ausweis wurde 1961 ausgestellt und hat das Format eines kleinen Taschenkalenders. Das Papier ist leicht vergilbt. Das schwarzweiße Passbild zeigt einen jungen Mann, der hoffnungsvoll, aber auch ein bisschen schüchtern in die Kamera blickt. Stempel der „Staatlichen Ingenieurschule Darmstadt“ bedecken eine ganze Seite des Dokumentes. Ein Kreis in jedem Kästchen, ein Stempel pro Semester. „Das war mein Studentenausweis“, lacht Klaus Göttmann. „Ich bin ein Sammler, ich hebe so etwas auf“, sagt der heute 74-Jährige und steckt das Heftchen zurück zu den Zeugnissen und Urkunden, die er in einem dicken Ordner aufbewahrt. Nachdenklich schaut er auf die Dokumentensammlung, als sei gerade eine Erinnerung aus den Tiefen alter Zeiten zurückgekehrt.

1961, über ein halbes Jahrhundert ist das her. Da hieß die Hochschule Darmstadt noch Staatliche Ingenieurschule und zog von der Neckarstraße in Darmstadt gerade auf den heutigen Innenstadt-Campus an der Schöfferstraße um. Das Hochhaus gab es noch nicht, auch viele andere Gebäude waren noch im Bau. Seine Klasse hatte Räume im Atrium. „Wir waren der erste Jahrgang, der auf dem neuen Areal unterrichtet wurde“, erinnert sich Klaus Göttmann. Zusammen mit alten Klassenkameraden feiert der Darmstädter jetzt sein Goldenes Diplom. Am 24. April nimmt er die Auszeichnung der Hochschule Darmstadt (h_da) bei einer kleinen Feier im Senatssaal entgegen. Ein Angebot, das die Zentrale Koordinierungsstelle Alumni der Hochschule seit ein paar Jahren ihren ehemaligen Absolventen bietet.

80 D-Mark pro Semester

Klaus Göttmann war gerade 21 Jahre alt, als er seine Ingenieur-Ausbildung begann. Er war als Halbwaise aufgewachsen. Der Vater, den er kaum gekannt hatte, war in Russland gefallen. Sie waren ausgebombt, die Mutter musste die kleine Familie mit Hilfe der Großeltern durchbringen. Ein Schicksal, das er mit vielen damals teilte. „Unsere Generation hatte einen schwereren Start“, glaubt er. „Wir haben uns aber über vieles gefreut, das heute ganz selbstverständlich ist.“ Für ein schönes Möbelstück oder gar ein Auto hat er lange sparen müssen. Auch den akademischen Grad hat er sich hart erarbeitet. Erst auf dem zweiten Bildungsweg kam Klaus Göttmann anderthalb Jahrzehnte nach Kriegsende an die Ingenieurschule. Vom Gymnasium war er nach der Mittleren Reife abgegangen.„Irgendwie hatte ich damals keine Lust mehr auf Schule.“ Er wollte erst mal etwas Praktisches lernen.

Bei der Darmstädter Firma Donges ließ er sich zum Stahlbauschlosser ausbilden. Doch einer seiner Freunde studierte unterdessen Maschinenbau und diese Idee nahm auch in Göttmanns Vorstellungen Gestalt an. Er entschied sich jedoch für Bauingenieurwesen und bewarb sich an der Staatlichen Ingenieurschule. Weil er drei Jahre schon vom Schulalltag entfernt war, besuchte er zunächst ein halbes Jahr ein sogenanntes Vorsemester, in dem wichtige Grundlagen aus der Mathematik, Physik oder auch Chemie wiederholt wurden. Erst dann begann das eigentliche Studium. 

80 D-Mark kostet das Semester. „Das war viel Geld früher“, sagt er. Schulgeld nannte sich der Obolus und auch der ganze Ablauf der Ingenieur-Ausbildung „war eher ein technischer Schulbetrieb, denn ein Studium“, erinnert sich Göttmann. Es gab einen festen Stundenplan, Anwesenheitspflicht bei jeder Vorlesung und eine Zwischenprüfung nach drei Semestern. „Für mich war der sehr geregelte, disziplinierte Ablauf gut, sonst wäre ich vielleicht mehr im Hochschulstadion gewesen“, schmunzelt er.

Nur zwei Studentinnen an der Schule

Unterrichtet wurde in einem festen Klassenverband von rund 25 Schülern. Das erste Semester wurde Hoch- und Tiefbau gelehrt, danach mussten sich die Studenten entscheiden, ob sie in den kommenden Semestern die Architektur- oder Bauingenieur-Richtung einschlagen wollten. Es gab zwei Architektur- und zwei Ingenieurklassen damals. „Und nur zwei Studentinnen“, sagt Göttmann. Nach dem sechsten Semester stand eine schriftliche und mündliche Abschluss-Prüfung an. Im Februar 1965 erhielt der Darmstädter sein Zeugnis. Er hatte bestanden, durfte sich fortan Ingenieur nennen, ab 1981 auch Diplom-Ingenieur der Fachhochschule Darmstadt.

Göttmann hat sein Studium Spaß gemacht. Er hat die Fächer Statik geliebt und  Wasserbau. „Physik war dagegen nicht so mein Ding.“ Dem Wasserbau blieb er im späteren Berufsleben treu. Von einem kleinen Ingenieurbüro wechselte er zum damaligen Landeskulturamt für Flurbereinigung und 1974 zum Wasserwirtschaftsamt Darmstadt. Meist drehte sich seine Ingenieurtätigkeit dabei um Kläranlagen, Kanalbauten oder Wasseraufbereitung wie etwa bei der Rheinwasser-Aufbereitungsanlage in Biebesheim im Ried. „Die Arbeit hat mir viel Spaß gemacht“, sagt der Darmstädter, der heute in Roßdorf lebt. Nach Umstrukturierungen wechselte er 1997 ins Umweltamt des Regierungspräsidiums Darmstadt. „Das dreht sich sehr viel fachbezogener rein um den Bereich Wasserversorgung“, erzählt Göttmann.

Mit 63 Jahren ging er in Altersteilzeit. Heute holt er nach, was ihm als junger Student und Schüler verwehrt blieb: Auslandsreisen. Göttman war in Nord- und Südamerika, Australien, Nepal, China. In diesem Jahr steht Südafrika auf der Agenda. „Als Schüler hätte ich gerne ein Austauschjahr in den USA gemacht“, erzählt er. „Amerika war ja in den 50er Jahren das Traumland“, aber wirtschaftlich unerschwinglich für ihn. Unterdessen war er mehrfach dort.

Auf das Zusammentreffen mit den früheren Kommilitonen freut sich der 74-Jährige. Er hat schon früher Treffen mit  alten Mitschülern organisiert, doch von den Veranstaltungen zum Goldenen Diplom der Hochschule hat er erst vor kurzem erfahren. Zum 50. Jahrestag des Ingenieur-Abschlusses passt das nun wunderbar. „Es wird eine Überraschung sein zu sehen, wer alles kommt“, sagt er. Darunter wird, so hofft er, auch ein Kommilitone sein, den Klaus Göttmann zuletzt vor 45 Jahren gesehen hat. 

Autorin

Astrid Ludwig