Darmstädter Pioniergeist

Vor 30 Jahren initiierten zwei Elektrotechnik-Studenten der Hochschule Darmstadt das bundesweit erste Semesterticket – inzwischen profitieren Studierende in ganz Deutschland von dieser Pionierleistung. Und auch die Idee für das heute bundesweit verbreitete Theaterticket hatten vor 20 Jahren Studierende der h_da.

Antonio Finas wundert sich noch heute. „Es ging alles abenteuerlich schnell“, lacht er. Finas studierte Elektro- und Nachrichtentechnik an der Fachhochschule Darmstadt, wie die h_da damals hieß. Im März 1991 hatte er die Idee für ein Ticket, das FH-Studierenden den stark vergünstigten Zugang zum Nahverkehr ermöglichen sollte. Gerade einmal drei Monate vergingen von der „Zündung der Idee“ bis hin zur Unterschrift unter den Vertrag mit der HEAG für das bundesweit erste Semesterticket. Bereits zu Beginn des Wintersemesters 1991/92 galt der Studierendenausweis für die damals rund 9.300 Immatrikulierten der Hochschule als Ticket im Darmstädter Nahverkehr. Antonio Finas ist überzeugt: Das Semesterticket wurde nicht nur an der Hochschule Darmstadt erfunden, sondern auch mit einer Schnelligkeit umgesetzt, die heute undenkbar wäre.

In einem Apothekenkalender hatte er zufällig vom Semesterticket gelesen, das die Regierung in den Niederlanden ihren Studierenden spendierte, damit nicht alle Auto fuhren. Auch an der Darmstädter FH war die Parksituation katastrophal. „Manche reisten einen Tag vor den Vorlesungen an, um ihre Wagen abzustellen. Es gab viele Debatten damals“, erinnert sich der h_da-Alumnus. Er wohnte damals nah am Campus, ging zu Fuß oder fuhr Rad. Finas engagierte sich in der Hochschule auf Fachbereichsebene, „wollte etwas für die Umwelt tun“. Warum nicht den ÖPNV stärken und die Umwelt entlasten mit einem Semesterticket? Getragen von einer Umlage, die alle Studierenden zahlen. Über den studentischen Semesterbeitrag wurde bereits die Arbeit des Allgemeinen Studierendenausschusses (AStA) und das Studierendenwerk finanziert. Mit seinem Kommilitonen Joachim Backes errechnete er, dass dieser Beitrag um 14 DM erhöht werden müsste, um ein vergünstigtes ÖPNV-Ticket für alle zu ermöglichen.

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Breite Unterstützung

Damaligen Rektor der Hochschule, Prof. Dr. Manfred Kremer, und zu Kanzlerin Ellen Göbel, „die sehr aufgeschlossen waren“. Danach trafen sie bei der HEAG auf den Hauptabteilungsleiter Manfred Fischer, der sich ebenfalls schnell begeistern ließ und seine Unterstützung in der Tariffrage beim Regierungspräsidium zusagte. Auch der AStA der Hochschule fand das Konzept gut und in der studentischen Vollversammlung wurde es mit 500 bei nur vier Gegenstimmen von den Studierenden angenommen. Danach griff Finas einfach zum Telefonhörer und rief bei den zuständigen Ministerien in Wiesbaden an, um für die Idee zu werben. Die Landtagswahlen hatten die rot-grüne Regierung unter Hans Eichel und Joschka Fischer erneut ins Amt gebracht. Bei den Staatssekretären im Wirtschafts-, Wissenschafts- und Verkehrsministerium fand er Gehör.

Rechtliche Bedenken des Wissenschaftsministeriums, ob ein Semesterticket durch die Erhöhung des studentischen Beitrages finanziert werden darf, ließen sich durch das Gutachten eines Hanauer Juristen ausräumen. Das Studierendenparlament hatte nicht nur der Erhöhung des studentischen Beitrags um 14 auf 30 DM zugestimmt, sondern gleich auch Mittel für ein solches Gutachten bereitgestellt.

Am 31. Mai 1991 wurde der Vertrag zwischen HEAG und AStA unterzeichnet. Er galt zunächst bis zum Sommersemester 1992, um zu sehen, ob die Finanzierung trägt. Am 6. Juni erteilte auch Wissenschaftsministerin Evelies Mayer ihr Okay. „Es lief alles relativ widerstandsfrei. Wir konnten es kaum glauben“, sagt Finas, den viele Anfragen anderer Hochschulen erreichten, darunter Frankfurt und Stuttgart. Am Beispiel der h_da orientierte sich auch der HEAGVertrag, den die TU Darmstadt später abschloss. Finas selbst hat das Semesterticket nie genutzt, weil er kurz darauf seine Diplomarbeit schrieb. „Rückblickend ist es schön, etwas initiiert zu haben, das Ressourcen und das Klima schont“, sagt er.

Anke Wiertelorz, Geschäftsführerin des AStA der h_da, ist „froh, dass es das Semesterticket gibt“. Mittlerweile gilt es im gesamten RMV-Tarifgebiet und bis zur Bergstraße. Nur der Ausbau nach Aschaffenburg gestaltet sich seit Jahren zäh. In 30 Jahren haben sich die Zahlen verändert: Heute gibt es gut 16.500 Studierende an der h_da und die Umlage für das Semesterticket beträgt 125,22 Euro. „Rechnet man das auf den Monat runter, ist es günstiger als jede Zeitfahrkarte,“ betont Wiertelorz. Sie ist überzeugt, dass das Semesterticket auch Vorbild war für das Hessen-Ticket für die Beschäftigten des Landes. „Ein super Erfolg“.

Bundesweit einmaliges Konzept
Das Darmstädter Echo berichtet am 29. Mai 1991 vom Start des Semestertickets an der Hochschule Darmstadt, damals noch FH Darmstadt, zum Wintersemester 1991/92. Zwei Tage später, am 1. Mai 1991, wurde der Vertrag zwischen Hochschule und HEAG unterzeichnet – damit war das deutschlandweit erste Semesterticket unter Dach und Fach. Inzwischen gibt es an nahezu jeder deutschen Universität und Hochschule ein Semesterticket, mit dem Studierende stark vergünstigt den ÖPNV nutzen können. (Quelle/Foto: VRM Archiv; asignarts /stock.adobe.com)


Pionier auch beim Theaterticket

Das gilt ebenso für das Theaterticket, das 2002 von AStA-Finanzreferent Bastian Ripper mit dem Staatstheater ausgehandelt wurde. Erneut war die Hochschule Vorreiter. „Vorhang auf für einen bundesweit einzigartigen Kniff“, schrieb im Oktober 2002 sogar „Der Spiegel“. Ripper war kein ausgesprochener Theatergänger, der Sozialpädagogik-Student engagierte sich hochschulpolitisch und sozial. „Ich wollte einfach die Lebenswirklichkeit Studierender verbessern. Sie sollten für kleines Geld spannende Vorstellungen besuchen können.“

Beim Direktor des Staatstheaters, Michael Obermeier, stieß er auf Resonanz. Theaterbesucher waren im Schnitt 54 Jahre alt, Vorstellungen zu 70 Prozent besucht. Obermeier wollte sein Publikum verjüngen, Ripper freien Eintritt für Studierende. Mit Rückenwind von AStA und Hochschulleitung einigte man sich auf ein ebenfalls umlagefinanziertes Modell: Der AStA zahlt 1,50 Euro pro Studierendem und Semester, dafür dürfen die jungen Leute kostenlos in die regulären Vorstellungen. Einzige Regel: Tickets können erst drei Tage vorher gebucht werden und Premieren sind ausgenommen.

Die h_da-Studierenden strömen. In der Spielzeit 2004/05 kamen fast 1.200 ins Theater, 2018/19 waren es über 2.500. „Vor Corona stiegen die Zahlen kontinuierlich“, sagt Wiertelorz. Auch andere Hochschulen zogen nach, die TU Darmstadt 2009. Inzwischen heißt das Theater- nun Kulturticket und gilt ebenso für die freien Theaterstätten Theater Mollerhaus, Hoffart-Theater und Theater im Pädagog. Derzeit läuft gemeinsam mit dem AStA der TU zudem ein Pilotprojekt mit dem Landesmuseum. Studierende haben jetzt auch dort freien Eintritt.

Astrid Ludwig