„Es gab einen Sitzplan wie in der Schule“

Ein seltenes Jubiläum: Der Bauingenieur Ulrich Nabert und sein Jahrgang feiern Goldenes Diplom an der Hochschule Darmstadt. Vor 50 Jahren erhielten sie an der Ingenieurschule für Bauwesen ihre Abschlussurkunden als Ingenieure (grad.). Der heute 75-Jährige war damals Obmann seines Semesters und hat bis heute Kontakt zu vielen Kommilitonen gehalten. 1969 verließen sie die Hochschule nach einem ungewöhnlichen Semester.

Ulrich Nabert erinnert sich noch gut an den Studienalltag. Der lief ganz anders ab, als ihn  heutige Generationen von Studierenden erleben. „Es war eher wie ein Schulbetrieb. Wir studierten im Klassenverband. Es gab einen Sitzplan und sogar ein Klassenbuch“, erzählt er. Den Sitzplan mit den Namen der Kommilitonen hat er bis zum heutigen Tag aufgehoben. „Es war ein guter, kollegialer Jahrgang, eine gute Zeit“, sagt der 75-Jährige. 22 Studenten waren damals eingeschrieben für das Fach Bauingenieurwesen an der Hochschule, die damals noch Ingenieurschule für Bauwesen hieß. Ulrich Nabert hat sechs Semester lang studiert, von 1966 bis 1969. Die meiste Zeit verbrachten er und seine Kommilitonen im Atriumbau auf dem Campus Schöfferstraße in der Innenstadt, in dem heute die Architekten untergebracht sind. Unlängst hat der Alumnus „sein altes“ Gebäude besichtigt. „Viel hat sich dort nicht verändert“, findet er. Seine damaligen Labore und Vorlesungsräume hat er auf jeden Fall noch wiedererkannt.

Nabert ist im Darmstädter Stadtteil Bessungen aufgewachsen. Die Hochschule lag für ihn quasi „um die Ecke“. Ein Studium außerhalb von Darmstadt kam daher nie in Frage. Seinen Zugang zur Ingenieurschule hat er sich jedoch hart erarbeiten müssen. Mit 14 Jahren hatte er eine Lehre als Stahlbauschlosser bei der Darmstädter Firma Donges Stahlbau angetreten. „Ich habe jedoch bald gemerkt, dass ich nicht stehen bleiben, sondern mich weiterbilden wollte. Ich wollte nicht Schlosser bleiben“, erinnert er sich. Er besuchte Abendkurse und holte seine Fachschulreife nach. „Drei Mal die Woche habe ich abends die Schulbank gedrückt, während andere junge Leute feierten und ausgehen konnten. Das war eine harte Zeit“, sagt er.

Doch es lohnte sich: Das anschließende Studium und die Ingenieurschule gefielen ihm. Er wurde Obmann seines Semesters. Interesse entwickelte er vor allem für Tunnelbau und Eisenbahnbau, erhielt später sogar ein Studienstipendium der Deutschen Bahn. Als sich 1968/69 die Studienzugangsbedingungen ändern sollten, traten viele Studierende der Ingenieurschule nach dem 5. Semester in den Streik und organisierten Protestaktionen – weshalb der damalige Leiter der Schule, Ernst Weimann, später von einem „ungewöhnlichen Semester“ sprach. Ulrich Nabert und seine Kommilitonen studierten jedoch weiter. „Wir haben nicht gestreikt. Ich wollte schnell fertig werden“, sagt der Alumnus. Zu dieser Zeit war der Darmstädter bereits verheiratet und die erste von zwei Töchtern war auf der Welt. Er wollte eine Stelle finden und Geld verdienen.

Die Stellensuche gestaltet sich nicht schwer – da erging es ihm damals schon wie den Absolventen heute. Ingenieure sind gefragt. Nabert begann sein Arbeitsleben bei der Deutschen Bahn, wechselte später zur verschiedenen Baufirmen wie Dressler oder Hochtief. Seinen Traumjob fand er schließlich jedoch bei der Fraunhofer Gesellschaft. Für die Bauabteilung in München arbeitete er als Projektleiter, war an zwölf Institutsstandorten in ganz Deutschland für Neu- und Erweiterungsbauten zuständig. Besonders spannend, berichtet er, waren die Jahre nach der Wende in Berlin, als dort Fraunhofer-Institute in den Ostteil der Stadt umgesiedelt wurden. Als er 2007 in Rente ging, arbeitete Ulrich Nabert noch ein paar Jahre als freier Mitarbeiter für die Gesellschaft weiter.

Den Kontakt zu seinen Kommilitonen hat der Darmstädter, der seit vier Jahrzehnten im benachbarten Rossdorf lebt, über all die Jahre gehalten. Seit 1971 gibt es einen Studienfreundeskreis, der sich regelmäßig an den heutigen Wohnorten der Alumni in ganz Deutschland trifft. Das 13. Treffen fand Ende September in Darmstadt an der h­_da statt. Im Hochhaus auf dem Campus Schöfferstraße überreichte der Präsident der Hochschule, Prof. Dr. Ralph Stengler, während einer Feierstunde Urkunden für das Goldene Diplom an die Absolventen, die vor 50 Jahren ihren Abschluss machten. „Ein Jubiläum, das wir feiern“, sagt Ulrich Nabert.

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Autorin

Astrid Ludwig
Oktober 2019