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Digital studieren

Making Of einer virtuellen Vorlesung von Prof. Katrin Läzer im April 2020

Making Of einer virtuellen Vorlesung von Prof. Katrin Läzer im April 2020

Die Hochschule Darmstadt ist mittendrin im ersten präsenzfreien und somit fast komplett digitalen Semester. Zwar sind inzwischen Prüfungen und einzelne Laborpraktika unter strengen Vorsichtsmaßnahmen wieder vor Ort möglich. Doch dürfen sich Studierende nach wie vor nur auf persönliche Einladung auf dem Campus aufhalten. Was digital stattfinden kann, soll auch weiterhin digital laufen. Wie geht es den Studierenden der h_da mit dieser neuen Art des Studierens? Eine Momentaufnahme.

Stickige Räume voller denkender Menschen, man sieht, fühlt, riecht die geistige Produktivität. Nicht mehr vorstellbar in Corona-Zeiten. Und doch sind es genau solche Bilder, die Laura-Marie Henning (25) kommen, wenn sie überlegt, was ihr momentan fehlt. „Nach einer Veranstaltung gemeinsam einen Kaffee auf dem Gang trinken, dann raus in die Sonne“, sinniert sie weiter. So fühlte sich das an, das Studieren vor Ort. „Aber so ist das halt, die Art des Studierens ist derzeit einfach neu“, ergänzt Laura-Marie Henning, die Informatik dual – KoSI im sechsten Semester studiert.

Wie praktisch alle ihren Mitstudierenden vermisst sie die direkten, persönlichen Kontakte. Nicht nur im zwischenmenschlichen Austausch unter Studierenden, auch während einer Lehrveranstaltung. „Wenn Professorinnen oder Professoren Fragezeichen auf der Stirn ihrer Studierenden sehen, erklären sie den Sachverhalt noch einmal anders“, erläutert Laura-Marie Henning. Während einer Videokonferenz ist das so nicht möglich, da die Teilnehmenden angehalten sind, ihr Bewegtbild auszuschalten, um Bandbreite zu sparen.

Doch registriert sie auch, wie gut der digitale Semesterstart insgesamt klappt. So gehen Lehrende zum Beispiel darauf ein, dass Studierende ihr Studium von daheim aus flexibel gestalten möchten oder müssen und bieten neben Vorlesungen zum individuellen Abruf auch Live-Übungen an, in denen Fragen gestellt werden können. Der Fachbereich Informatik nutzt Big Blue Button als Videokonferenztool und hat dieses in Zusammenarbeit mit der Abteilung IT Dienste und Anwendungen auf seine Bedürfnisse angepasst. Dazu gehört zum Beispiel, dass die virtuellen Räume die Namen der real existierenden Vorlesungs- und Seminarräume tragen. Ein Stück Normalität. „Da bin ich schon stolz auf meinen Fachbereich, dass das so gut gelungen ist“, sagt sie.

Tipps für das Studieren von Zuhause

Anstrengende Bildschirmzeiten nimmt Jens Boll (25) wahr. Er studiert Wirtschaftsingenieurwesen im achten Bachelorsemester. „Es fehlt einfach die Tiefe des Vorlesungsraums. Außerdem sitzt man den Tag über mehr, hat weniger Wege“, sagt er. Auch hat er an sich beobachtet, dass er zu viel in einen Tag packt und sich so zu überfordern droht. Jens Boll ist es dennoch gut gelungen, sich zu strukturieren. Unter anderem durch Produktivitätstechniken und gut strukturierte To do-Listen. Hierbei profitiert er von einer Ausbildung, die er vor dem Studium absolviert hat.

Wichtig war ihm, sein Wissen an die Studierenden weiterzugeben. Gemeinsam mit seiner Kommilitonin Natalie Wilhelm (31) arbeitet er als studentische Hilfskraft im Forschungsprojekt „ALLE im digitalen Wandel“, das am Forschungszentrum Digitale Kommunikation und Medien-Innovation angesiedelt ist. Ziel des Projekts ist es, Menschen in Organisationen darin zu unterstützen, mit der digitalen Transformation gut umgehen zu können. Im Dialog mit Prof. Dr. Werner Stork aus dem Fachbereich Wirtschaft kam den Studierenden die Idee, anderen Studierenden Tipps, Tricks und Hilfestellungen für das digitale Studieren von Zuhause mitzugeben.

Hieraus entstand eine Präsentation. Darin geben Boll und Wilhelm unter anderem Motivationstipps: Dass zum Beispiel ein Wochenplan helfen kann, im Studium am Ball zu bleiben. Wie wichtig der Austausch mit anderen Studierenden ist, etwa in digitalen Lerngruppen. Sie geben zudem Lerntechnik-Tipps und Hinweise zur psychischen und körperlichen Gesundheit, die unter anderem durch Achtsamkeitstraining gefördert werden kann.

Die Hochschule als Ort zum Studieren fehlt

Tipps, von denen zum Beispiel Louis Vogt profitieren könnte. Der 22-Jährige studiert im sechsten Semester Animation & Game am Fachbereich Media und fühlt sich immer mal wieder gestresst. „Mir fehlt die klare Trennung, dass ich meine Wohnung verlassen, auf den Campus gehen und mich aufs Studieren konzentrieren kann“, sagt er. „Daheim bin ich dann doch verleitet, auch andere Dinge parallel zu tun, zum Beispiel arbeiten, was ich ebenfalls vom Computer aus mache.“

Er beobachtet zudem an sich, dass digital vermittelter Stoff weniger gut hängen bleibt. „Ich sitze vor zwei Monitoren“, erläutert Louis Vogt. „Auf dem einen Monitor sehe ich den Dozenten, auf dem anderen tausche ich mich aber durchaus auch mit Kommilitonen aus, so wie man das auch während einer Vorlesung immer mal wieder kurz macht. Da ist dann schon Selbstdisziplin nötig, um nicht auf jede eintreffende Nachricht zu reagieren.“

Gut betreut fühlt er sich von den Professorinnen und Professoren aus dem Studiengang Animation & Game. Mehrfach die Woche erhält er ein digitales, persönliches Coaching zu seinem aktuellen Praxisprojekt, das er in normalen Zeiten im studentischen Team, aktuell aber solo durchführt. Auch für seinen erhöhten Stresspegel haben Tilmann Kohlhaase und seine Kolleginnen und Kollegen ein offenes Ohr und haben im schon hilfreiche Tipps gegeben und Kontakte vermittelt. Das hilft ihm dabei, wieder die Kontrolle über seinen Studienalltag zurückzubekommen.

Unterstützung für Studierende

Eine Struktur im digitalen Studium zu finden, für viele eine Herausforderung. „Gerade Erstsemesterstudierende tun sich schwer mit der Organisation des Studiums“, beobachtet Natalie Wilhelm, die im fünften Semester ihres BWL-Masterstudiums ist, sich als studentische Studienberaterin für ihre Mitstudierenden engagierte und aktuell im Fachschaftsrat. Sie selbst hat eine dreijährige Tochter und spürt die Mehrfachbelastung aktuell stark. Gemeinsam mit ihrem Partner jongliert sie den Alltag und hat Freundinnen, ebenfalls Studentinnen, mit denen sie sich bei der Kinderbetreuung abwechselt, um lernen zu können. „Auch Studierende wie ich sollten einen Anspruch auf Notbetreuung haben“, fordert sie. „Momentan gilt er nur für Alleinerziehende.“

Mit Blick auf ihr Studium an der h_da ist Natalie Wilhelm zufrieden. „Ich bin sehr positiv überrascht, wie viel Mühe sich viele Professorinnen und Professoren mit ihren Live-Vorlesungen oder Erklärvideos geben, wie viel Herzblut sie reinstecken und wie kreativ manche Lehrende geworden sind“, sagt sie. Auch die Hochschule insgesamt versucht fortlaufend, die Situation ihrer Studierenden zu verbessern. Zum Beispiel für jene, deren persönliches Umfeld es nicht ermöglicht, sich daheim in Ruhe auf das Online-Studium zu konzentrieren. Für sie steht im begründeten Einzelfall eine begrenzte Anzahl an Arbeitsplätzen im Glaskasten zur Verfügung. Zur Beantragung eines Platzes müssen sich die Studierenden zunächst an das Dekanat ihres Fachbereichs wenden und ein Formular ausfüllen. Wird der Anspruch bestätigt, dürfen die Studierenden im Glaskasten mit eigenen Arbeitsmaterialien und unter Einhaltung der Hygiene- und Verhaltensregeln arbeiten.

Doch bleibt der Fokus auf dem digitalen Semester. Daher sind inzwischen auch die Fachschaften aktiv geworden, um die Vernetzung der Studierenden untereinander nicht abbrechen zu lassen. So etwa am Fachbereich Maschinenbau und Kunststofftechnik. Dort studiert Katharina Malek (23) im fünften Bachelorsemester Kunststofftechnik und engagiert sich in der Fachschaft. „Da wir uns in unseren Räumen derzeit nicht treffen können, vernetzen wir uns über Discord und haben hier für unsere Studiengänge eigene Kanäle eingerichtet“, berichtet sie.

Der Übergang ins digitale Semester habe am Fachbereich gut funktioniert. Das liege auch daran, dass man schon vor der Coronakrise die Hörsäle digital aufgerüstet habe, um zum Beispiel Vorlesungen live zu übertragen. Sie lobt den Umgang mit den Lehrenden, die offen mit den Studierenden kommunizieren würden, auf Verbesserungsvorschläge eingingen und zunehmend gut zu erreichen seien, sollte es im digitalen Semesterablauf zum Beispiel technische Probleme geben.

Ein Stück des digitalen Semesters soll bleiben

Eine positive Zwischenbilanz zieht auch Maxie Holzwarth (23), die im vierten Bachelorsemester Bauingenieurwesen studiert. „Es ist schon eine unglaubliche Leistung, wie schnell unser Fachbereich diese neue Situation gemeistert hat“, sagt sie. Zwar fehlt auch ihr der soziale Kontakt, doch kommt sie gut zurecht mit der neuen Form des Studierens. Sie bevorzugt Live-Vorlesungen, „denn da ist man an feste Zeiten gebunden.“ Ihr ist aber bewusst, dass manche Studierende „unter normalen Voraussetzungen die technische Infrastruktur des Fachbereichs für EDV-relevante Vorlesungen nutzen und durch die Schließung nun nicht mehr in Anspruch nehmen können, um problemlos an diesen teilzunehmen.“

Auch bei den Bauingenieuren sind bei größeren Live-Vorlesungen die Bildschirme aus, um die Übertragung stabil zu halten. Bei kleineren Tutorien sehen sich die Teilnehmenden allerdings, sagt Laura Kehrer (29), wissenschaftliche Mitarbeiterin im Verkehrswesen. Bei eingeschalteter Kamera würden sich die Studierenden auch besser beteiligen als beim Blick in schwarze Kästchen. „Es soll schon möglichst nah an einer normalen Vorlesung bleiben für unsere Studierenden“, betont sie. Daher bekommen sie auch immer mal wieder Praxisaufgaben mit auf den Weg, „müssen dann mal raus und Knotenpunkte untersuchen“, erläutert Laura Kehrer.

Das digitale Semester, es steckt voller Herausforderungen und Chancen. So sehen es auch die Studierenden, von denen sich manche wünschen, dass nach der Krise ein gutes Stück des digitalen Studiums erhalten bleibt. „Wir möchten nicht das Vorher zurück, eine Kombination wäre gut, so dass zum Beispiel ein paar Module online absolviert werden können“, sagt Jens Boll. „Ich fände es wichtig, dass auch künftig digitalisierte Inhalte zur Verfügung gestellt werden.“

Text: Simon Colin/Hochschulkommunikation