„Ich möchte etwas bewegen“

Als Teenager floh Hermin Beumer-Aftahi vor der Unterdrückung im Iran nach Deutschland. An der Hochschule Darmstadt studierte sie später Informatik. Die Alumna und heute erfolgreiche Software-Unternehmerin kehrte als Mitglied des Hochschulrates jetzt an die h_da zurück.

Häufig bekommt sie Emails, die an Herrn Hermin Beumer-Aftahi adressiert sind. Das mag an ihrem ungewöhnlichen Vornamen liegen, doch als Frau, Migrantin und Chefin in einer männerdominierten IT-Branche hat sie sich schon immer durchkämpfen müssen. „Als Frau muss man stets tougher sein, wenn man sich mit seiner Meinung positionieren will“, sagt sie. Die 50-Jährige weiß, wie das geht. Seit Teenager-Tagen hat sie sich behaupten müssen. Zuerst in ihrer alten Heimat Teheran und später in einem Land, in der ihr Sprache, Kultur und Menschen zunächst fremd waren. Hermin Beumer-Aftahis Willen und Energie hat das nicht bremsen können. „Mein Rad muss sich immer drehen“, beschreibt sie sich selbst. Vermutlich säße sie sonst auch nicht in einer modernen Büroetage in Darmstadts Telekom-Viertel und würde als eine von zwei geschäftsführenden Gesellschaftern ein Unternehmen leiten, das erfolgreich Softwareprodukte für den nationalen und internationalen Markt der Medien-Wetter-Produktion entwickelt. Wenn allabendlich Moderatoren von Fernsehsendern wie ZDF, HR, Pro 7 oder N24 die Wettervorhersage präsentieren, wenn sie Strömungsfilme, Wolkenbilder oder Wetter Icons auf dem Bildschirm zeigen, dann tun sie das mit Software-Systemen, die Hermin Beumer-Aftahi und die Mitbegründer von „ask – Innovative Visualisierungslösungen GmbH“ entwickelt haben.

Verhaftet, weil sie Ski fahren wollten

Dabei hat sich die gebürtige Iranerin ursprünglich gar nicht für Informatik, sondern mehr für Medizin interessiert. „In der Schule in Teheran war mein Schwerpunkt Biologie“, erzählt sie. Doch widrige Bedingungen verändern nicht nur berufliche Träume. Aufgewachsen ist sie in einer westlich orientierten Familie. Ihre alleinerziehende Mutter arbeitete als Angestellte für den Unterhalt ihrer zwei Kinder. Bis zur islamischen Revolution vor 40 Jahren lebten sie ein modernes Leben. Mit ihrer Mutter saß sie als 14-Jährige in einem Bus, der sie zu einem Skiausflug in die nahen Berge fuhr, als Revolutionswächter mit Gewehren den Bus stürmten und Frauen und Mädchen verhafteten. Partys, unverschleierte Kleidung, Skifahren – all das war Frauen nicht mehr erlaubt. „Wir verbrachten eineinhalb Tage im schlimmsten Gefängnis des Landes. Angekettet, mit Augenbinden und vielen Frauen in einem Raum“, erinnert sich Hermin Beumer-Aftahi an die Angst und Unsicherheit. „Das war für meine Mutter der Auslöser, das Land zu verlassen.“

Ein Studium war immer ihr Ziel

Ihr Bruder floh als erster mit dem Bus über die Grenze in die Türkei. Sie und ihre Mutter folgten anschließend mit dem Flugzeug. In Istanbul erlebten sie strapaziöse erste Monate im Exil. Als der Traum von einer Zukunft in den USA oder Kanada platzte, entschied sich die Familie für Deutschland, wo sie nach mehreren Stationen schließlich in Darmstadt landeten. Plötzlich saß die 15-Jährige in einer Schule, in der sie für das Abitur Deutsch, Englisch und Französisch beherrschen musste. „Das war nicht leicht, aber ich habe mich reingekniet.“  Mathematik wurde ihr Favorit, Zahlen waren anfangs einfacher als Sprachen. Ein Studium war immer ihr Ziel: „Das gehört für mich zu einem erfolgreichen Werdegang.“ Weil sie die Zukunft in der Datenverarbeitung sah, schrieb sie sich an der Hochschule Darmstadt für Informatik ein.

Beumer-Aftahi hat Hürden nie gescheut. Sie heiratete früh einen Studenten der Elektrotechnik, bekam während des Studiums an der h_da ihr erstes Kind und schloss ihr Diplom dennoch mit 1,0 ab. Graphische Datenverarbeitung und Telekommunikation wurden ihr Schwerpunkt. Komplexe Daten in verständliche Graphiken umzuwandeln, Informationen zu visualisieren, das liegt ihr. Schon als studentische Hilfskraft und später festangestellt arbeitete sie im Fraunhofer-Institut für Graphische Datenverarbeitung. Von Beginn an hatten Wetterdaten es ihr angetan. Eumetsat, die europäischen Betreiberorganisation von Wettersatelliten, hat ebenfalls ihren Sitz in Darmstadt.

Auf eigenen Beinen stehen

Mit zwei Kollegen –  Dr. Florian Schröder und dem Schweden Dr. Kennet Karlsson – gründeten sie 1995  das Unternehmen „ask – Innovative Visualisierungslösungen GmbH“. Zuvor hatten Beumer-Aftahi, Schröder und ihr Entwicklungsteam das TriVis Weather Production System Graphix entwickelt, das heute von vielen nationalen und internationalen TV-Stationen genutzt wird. „Die Selbstständigkeit entspricht meinem Naturell. Ich wollte auf eigenen Beinen stehen, selbst entscheiden können.“ Heute hat ask 25 Beschäftigte, zahlreiche Software-Produkte und Kunden in Europa, Asien, Afrika und im Nahen Osten. In Deutschland zählt dazu der Deutsche Wetterdienst, die Flugsicherung oder auch Eumetsat.

Freude über Berufung in Hochschulrat

Mit der Hochschule Darmstadt blieb Beumer-Aftahi in Verbindung. Sie betreut Praktikanten, Hiwis und Masterarbeiten. Jetzt wurde sie in deren Hochschulrat berufen, darauf ist sie stolz. Noch ist alles neu für sie, aber sich in Unbekanntes einzuarbeiten, daran ist die Darmstädterin gewohnt. Fest steht für sie: „Ich möchte etwas bewegen.“ Als Frau und Migrantin will sie von ihren Erfahrungen berichten, Impulse geben und einen etwas anderen Blick auf Studium und Beruf einbringen. Der Wissenstransfer von der Hochschule in die Industrie und umgekehrt ist ihr wichtig. Auch sozial möchte sie Unterstützung leisten. „Für meine Tochter habe ich die Krabbelkiste der h_da nutzen können, wodurch ein reibungsloses Studium möglich war. Alle sollten die Chance haben, wissenschaftlich und beruflich voranzukommen“, betont sie. Gut vorstellen könnte sie sich, als Mentorin Studentinnen zu beraten und zu fördern. Dass sie Informatik statt Medizin studierte, hat sie übrigens nie bereut. „Irgendwann hab ich mal festgestellt, dass ich eigentlich kein Blut sehen kann“, lacht sie.

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Autorin

Astrid Ludwig