Foto: Hessen schafft Wissen / Steffen Böttcher

Mit jedem Flug Leben retten

Tom Plümmer hat einen Bachelor of Arts an der h_da gemacht, heute ist er mit dem „Wingcopter“ erfolgreich.

Tom Plümmer ist in diesen Tagen schwer zu erreichen. Der Alumnus der Hochschule Darmstadt ist ein viel beschäftigter Unternehmer. Er hat sich mit einer Geschäftsidee selbstständig gemacht, die mittlerweile weltweit gefragt ist. Plümmer ist der Mitbegründer und CEO des Drohnenherstellers "Wingcopter".

"Es wird immer größer und internationaler", sagt Tom Plümmer und klingt sehr zuversichtlich. Dabei entstand die Idee einmal ganz klein - quasi in der Garage, wie schon so viele innovative Geschäftsmodelle. Und eigentlich kamen die Gründer eher aus Zufall zusammen. Plümmer hatte gerade am Mediencampus der Hochschule Darmstadt einen Bachelorstudiengang abgeschlossen, der heute "Motion Pictures" heißt. Da er sich von anderen Filmemachern abheben wollte, produzierte er mit zwei Freunden Luftaufnahmen per Drohne. "Irgendwann interessierte ich mich jedoch mehr für unbemannte Luftfahrzeuge als für das Filmemachen selbst." In der Segelflugzeug-Werkstatt der "Akaflieg" der benachbarten Universität Darmstadt traf er auf den TU-Maschinenbaustudenten Jonathan Hesselbarth, der seit 2011 an einer neuartigen Drohnentechnologie tüftelte. Der luftfahrtbegeisterte Maschinenbauer und der Mediendesigner taten sich zusammen und gründeten ihr Startup Unternehmen, das seit 2015 abhebt wie das revolutionäre Flugobjekt, das sie gemeinsam auf den Markt gebracht haben.

Patent gesichert

Wingcopter heißt ihre Hybrid-Drohne, die senkrecht auf kleinstem Raum startet und landet, bis zu 100 Kilometer weit und über 240 Kilometer in der Stunde schnell fliegen kann. Ein wendiger, ausdauernder Überflieger, der für den Transport von Waren genauso gut eingesetzt werden kann, wie für Rettungseinsätze, Vermessungs- oder Inspektionsflüge. "Wir kombinieren dank des innovativen Schwenkrotor-Mechanismus ein unbemanntes Flächenflugzeug mit einem Multicopter. Das ist das Besondere an der Erfindung", sagt Plümmer. Jonathan Hesselbarth sei einer der Ersten weltweit gewesen, der diese Technik entwickelt habe, betont er. Das Prinzip: Der Wingcopter startet oder landet mit vier Rotoren die senkrecht wie der Propeller eines Helicopters nach oben zeigen. Für den effizienten Vorwärtsflug schwenkt der Wingcopter alle Rotoren um 90 Grad nach vorne, in eine Position, wie man es von den Propellern bei einem Motorflugzeug kennt. Zusätzlich generieren die Flügel am Wingcopter Auftrieb, der dafür sorgt, dass die Drohne noch weitere Strecken zurücklegen kann. Eine Technologie, auf die sich das Startup-Team früh das Patent sicherte. "Das ist wichtig. Es gibt große Gegenspieler, da muss man seinen Vorsprung und die Kerntechnologie absichern", sagt der h_da-Alumnus.

Neue Möglichkeiten bei der Klimaforschung und Notfallversorgung

Der Wingcopter ist so gefragt, dass das Team, zu dem auch der Wirtschaftsingenieur Ansgar Kadura gehört, ganz unterschiedliche Kunden begeistern konnte. Ein Energiekonzern in Dubai kaufte den Wingcopter zur Inspektion von Stromtrassen und die Zoologische Gesellschaft in London Einen für das Vermessen des Regenwaldes in Indonesien und zum Schutz der Tiere vor Wilderern. Das deutsche Geoforschungszentrum in Potsdam will die Drohne - in Kombination mit speziellen Sensoren - zur Klimaforschung nutzen. Damit soll im Norden Kanadas die Konzentration von Treibhausgasen gemessen werden, die freiwerden, wenn der Permafrostboden taut.

Doch Tom Plümmers Herz schlägt vor allem für den humanitären Einsatz der Drohne. Nach dem Abitur machte er ein Freiwilliges Soziales Jahr im westafrikanischen Ghana. An einer Schule arbeitete er ein Jahr lang mit Kindern zusammen an Filmprojekten unter anderem zum Thema Umweltschutz. Während seines Studiums an der Hochschule Darmstadt kehrte er mit dem DAAD für ein Auslandssemester später nach Ghana zurück. "Afrika hat mich sehr geprägt. Ich habe die Lebensfreude der Kinder kennengelernt, aber auch gesehen, was finanzielle Armut und Leid bedeuten", sagt der 28-Jährige, der heute selbst Vater ist. Er engagiert sich um "durch Drohnentechnologie etwas Gutes zu bewirken".

Zusammen mit der deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) und dem Logistikunternehmen DHL haben die Gründer im Auftrag des Bundesentwicklungsministeriums (BMZ) über sechs Monate lang erfolgreich die Lieferung von Medikamenten per Drohne auf eine Insel im afrikanischen Viktoriasee erprobt. Der "DHL Paketkopter 4.0" legte die 60 Kilometer lange Flugstrecke in rund 40 Minuten autonom zurück. Über 2200 Kilometer hat das Fluggerät in dieser Zeit absolviert.

Damit, so Plümmer, eröffnen sich neue Möglichkeiten in der Notfallversorgung, die bis vor kurzem noch nicht möglich gewesen wären. In vielen Regionen der Welt ist die Medizinversorgung ländlicher Krankenhäuser oder Apotheken wegen unwegsamen Geländes und häufig schlechter Infrastruktur schwer, eine Belieferung mit kurz haltbaren, kühlpflichtigen Medikamenten oder der schnelle Transport von Laborproben nahezu unmöglich. Der DHL Paketkopter 4.0 aus der Herstellung von Wingcopter löst das Problem. Die Drohne hat sogar "das Potenzial, zur Verhinderung weltweiter Krisen beizutragen. Die Ausbreitung von Viruserkrankungen, wie zum Beispiel Ebola, ließe sich damit frühzeitig bekämpfen", heißt es dazu in einer Pressemitteilung von DHL. Das Projekt war der Anfang: Von UNICEF wurde Wingcopter mit dem weltweit ersten kommerziellen Vertrag zur Lieferung von Impfstoffe mittels einer Drohne für eine Inselkette im Pazifik beauftragt. Auch mit der amerikanischen Hilfsorganisation USAID sind sie für Projekte in verschiedenen Ländern ausgewählt worden.

Viele Preise

Für ihre Idee wurden die Jungunternehmer mit etlichen Preisen ausgezeichnet: Bei der Hessen-Ausscheidung des "European Satellite Navigation Competition 2016" belegten sie den dritten Platz. Sie waren unter den Gewinnern des Fraunhofer "Digital Logistic Award". In Berlin siegten sie beim weltweit einzigartigen Drohnen-Marathon und halten einen Guinness-Rekord für die Geschwindigkeit des Wingcopters. Außerdem wurden sie Träger des Hessischen Gründerpreises für den Bereich Innovative Geschäftsidee. Bewilligt wurden ihnen auch das EXIST-Gründerstipendium des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie. 120 000 Euro erhielten sie als Startup für ein Jahr. Gerade in der Anfangszeit hat sich das Team so viel wie möglich bei Familie und Freunden geliehen. Dieses Investment zahlt sich heute endlich aus. Das ursprünglich kleine Dreier-Team ist auf ein Startup mit zehn Angestellten gewachsen. "Wir expandieren in jeder Hinsicht", so der h_da Absolvent. Sie haben passende Partner in Deutschland gefunden und können die Serienproduktion nun angehen.

Studium keine Einbahnstraße

Tom Plümmer begann sein Mediendesign und Filmstudium an der Hochschule Darmstadt, weil es sehr breit gefächert war. "Ich konnte viel ausprobieren." Geholfen haben ihm dabei seine Professorinnen und Professoren wie Thomas Carlé, Alexander Herzog, Frank Gabler Sabine Breitsameter oder Claudia Söller-Eckert, an deren Vorlesungen und Unterstützung er sich gerne erinnert. Später hängte er ein Masterstudium in "Leadership in the Creative Industries" an, doch es fehlt noch die Masterarbeit. "Wingcopter kam dazwischen", lacht er. Dass er einmal als erfolgreicher Gründer in der Drohnentechnologie reüssieren würde, hat er zu Beginn des Studiums nicht gedacht. Obwohl: "Ich war immer abenteuerlustig. Für mich war das Studium nie eine Einbahnstraße mit einem bestimmten Ziel". Getrieben war er eher von dem Wunsch "etwas Großes zu erschaffen". Das scheint zu gelingen. Ein langfristiges Ziel hat sich Tom Plümmer mit Wingcoper gesteckt: "Irgendwann wollen wir auch Menschen befördern."

Autorin

Astrid Ludwig

Foto

Hessen schafft Wissen / Steffen Böttcher