Der Inbegriff des Erfindergeistes

Schon während seines ersten Semesters an der Hochschule Darmstadt gründete Digital Media-Student Stefan Neubig die erfolgreiche App "Aboalarm". Eigentlich wollte der heute 31-Jährige Kameramann werden, doch jetzt ist er Geschäftsführer von "Sonnenglas", einem Fairtrade-Unternehmen, das die Produktion von Solarlaternen in Südafrika unterstützt und weltweit vermarktet. Der Social Entrepreneur Neubig besuchte seine Alma Mater, den Campus Dieburg, und hat sich auch gleich als Alumnus der h_da eingetragen. Zusammen mit Alumni-Referentin Christine Haller denkt er nun über mögliche gemeinsame Projekte nach. 

Mehrere Wochen im Jahr ist er in Johannesburg, gerade kommt er aus Berlin, München und ist eigentlich schon auf dem nach China. Stefan Neubig hat einen vollen Terminkalender. "Aber ich habe schon Ewigkeiten nach einem Grund gesucht, mal wieder nach Darmstadt und Dieburg zu kommen", freut er sich, dass ein Treffen mit der Alumni-Abteilung geklappt hat. Im Gepäck hat er das Objekt, das bei Amazon derzeit einer der Topseller ist - die Solarlaterne Sonnenglas. Die Komponenten sind denkbar einfach: Ein transparentes Einmachglas, ein Schraubverschluss mit Solarelementen auf dem Deckel und ein kleiner Klappbügel, der die Laterne zum Leuchten bringt, sobald das Metall die blau schimmernden Photovoltaik-Module berührt.

"Consol Solar Jar" heißt die Laterne aus Johannesburg eigentlich. "Consol-Einmachgläser kennt in Südafrika jedes Kind", sagt Stefan Neubig. Doch mit dem Begriff Jar - englisch für Einmachglas - konnten europäische oder Kunden außerhalb Afrikas wenig anfangen. Die Vermarktung hat Fahrt aufgenommen, seit Neubig der Leuchte den deutschen Namen Sonnenglas gab und als Geschäftsführer das gleichnamige Unternehmen gründete, das die Laterne unter diesem Namen vertreibt. Sonnenglas heißt die Laterne nun sogar in den USA und Japan und kommt auf den dortigen Märkten gut an. Er selbst, berichtet der 31-Jährige, hat sich vom ersten Augenblick an in Solar Jar verliebt, als er die kleine Fabrik in Johannesburg besuchte, wo Arbeiter aus den Townships die Laterne zusammenbauen. "Ein Großteil der afrikanischen Bevölkerung hat keinen oder kaum Zugang zu Elektrizität und Licht. So eine einfache Solarleuchte ist eine tolle Innovation. Das war mir sofort klar."

Nach Südafrika war Neubig 2010 nach dem Abschluss seines Studiums an der Hochschule Darmstadt gereist. Er hat Digital Media in Dieburg mit Schwerpunkt Video studiert. Schon im ersten Semester gründete er mit einem Freund das Unternehmen Aboalarm, nachdem sich der Freund darüber geärgert hatte, dass er eine Abo-Kündigung verpasst hatte. Die App informiert Nutzer nun rechtzeitig über Fristen und hilft bei der Kündigung von Verträgen. Ein Konzept, das für Neubig und seinen Geschäftspartner schon während des Studiums profitabel wurde. Firma und Studium liefen parallel. "Mir war früh klar, dass ich etwas Eigenes machen wollte, aber das Unternehmertum war nicht unbedingt mein Ziel", erinnert er sich. Eigentlich plante Neubig eine Karriere als Kameramann.

Weil er während des Studiums keine Zeit hatte für ein Auslandssemester, wolle er das nach dem Abschluss nachholen. Projektmanagement online geht schließlich von überall auf der Welt. "Ich wollte so weit weg wie möglich, aber in der gleichen Zeitzone bleiben. Und da war Südafrika perfekt." In Kapstadt arbeitete er mehrere Wochen in einem Google Ko-Working-Space, reiste quer durchs Land, lernte Städte und eben auch kleine Fabriken wie die von Consol Solar Jar in Johannesburg kennen. "Ich war fasziniert vom Erfindergeist der Menschen. In Südafrika gab es oft stundenlange Stromausfälle. Diese Solarlaterne ist der Inbegriff des Erfindergeistes."

Während seines Studiums an der Hochschule hat Neubig ein breites Grundverständnis entwickelt für digitale Medien, für Marketing, IT oder auch Betriebswirtschaft. Gepaart mit seinem Gründergeist erkannte er das Potenzial und auch den sozialen Wert des Projektes. Er recherchierte und nahm Kontakt mit dem Projektleiter von Cosol Solar Jar auf. "Ich wollte daraus ein langfristiges Projekt machen und die Idee auch in Europa vermarkten."

Anfangs konnte sich in der Fabrik in Johannesburg niemand vorstellen, "dass so eine einfache Laterne jemand in Europa haben will", lacht er. Doch Neubig ist hartnäckig und seine Euphorie überzeugend. Weil er keinen preisgünstigen Vertrieb fand, vermarktete er Sonnenglas einfach selbst online auf einer Webseite. Der direkte Verkauf wurde ein Erfolg - wohl auch, weil der Fairtrade-Gedanke dahinter steht. "Die Produktion in Südafrika mit Arbeitern und Arbeiterinnen aus den Townships ist unser Rückgrat. Eine Produktion, die Arbeitsplätze schafft und sich nicht am Profit orientiert, sondern am positiven Effekt für alle Beteiligten. Das ist unsere Identität", sagt Neubig.

2013 produzierten rund 15 Mitarbeitern/innen 10 000 Laternen. Heute, nach Neubigs Einstieg in die Vermarktung, fertigen 75 Arbeiter rund eine halbe Million Leuchten im Jahr, wovon die Hälfte in den weltweiten Export geht. Zwei Millionen Laternen hat die Fabrik seit 2013 hergestellt. Mittlerweile hat Neubigs Marketingfirma Sonnenglas auch rund 20 Angestellte in Europa und weltweit - in Tokio, Toronto oder Berlin. Den größten Absatz findet die Laterne auf dem deutschsprachigen Markt, so Neubig. Bei Amazon, deren Plattform Sonnenglas nutzt, ist die südafrikanische Solarleuchte einer der Bestseller.

Umgerechnet 12 Euro kostet das Sonnenglas in Südafrika, 30 Euro im Export. 12 Euro sind für Südafrikaner viel Geld, obwohl sich die Laterne in nur sechs Monaten gegenüber dem Kauf von Kerzen amortisiert hat. "Doch Südafrikaner denken nicht so vorsorgend wie wir. Wir müssen daher viel Aufklärungsarbeit leisten", sagt Neubig. Offenbar erfolgreich, denn auch hier liegt der Absatz seit 2013 bei einer Million.

Weil in Afrika die Sonne intensiver scheint als etwa in Deutschland, sind die Modelle für den Export mit einem USB-Anschluss versehen. So lässt sich das Sonnenglas auch einfach mit dem Handy-Ladegerät aufladen. Derzeit arbeitet der 31-Jährige jedoch mit einer Ausgründung der TU München zusammen an einem preisgünstigeren Charity-Modell der Laterne. Ab Sommer 2018 sollen weitere Solarprodukte dazukommen. Mittlerweile konzentriert Stefan Neubig seine Arbeit und Zeit zu 100 Prozent auf Sonnenglas und die südafrikanische Produktion. Seine erste Firma Aboalarm hat er im Januar verkauft. "Das war eine gedankliche Doppelbelastung", begründet er den Schritt. Für Sonnenglas und die Beschäftigten in Südafrika fühlt er sich verantwortlich. "Ich bin zwar nicht der biologische Vater der Solarlaternen, aber doch so eine Art Stiefvater."

Alumni-Referentin Christine Haller ist begeistert. "Es wäre toll, wenn gemeinsame Projekte auch mit der h_da zustande kämen", sagt sie. Denkbar ist vieles: Eine Zusammenarbeit mit den Industriedesignern auf der Mathildenhöhe oder den Wirtschaftswissenschaftlern in Dieburg. Vielleicht auch ein Lehrauftrag Neubigs über Social Entrepreneurship, über soziales Unternehmertum. "Eine tolle Erfahrung wären Praktikumsplätze für h_da-Studierenden in der Laternen-Fabrik in Johannesburg", regt Christine Haller an. Der 31-Jährige ist interessiert: "Das klingt sehr spannend." Ein erneutes Treffen ist geplant.

Autorin

Astrid Ludwig